Verhandlungen von Geschlechtergrenzen in den Naturwissenschaften am Beispiel von NAWI Graz

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Verhandlungen von Geschlechtergrenzen in den Naturwissenschaften am Beispiel von NAWI Graz

Rahmenbedingungen

Laufzeit von 2010/11 bis 2012/06
Projektstatus abgeschlossen
Projekttyp
Art der Finanzierung gefördert
Förderung/Finanzierung Land Steiermark (Graz)
Förderprogramm

Projektbeschreibung

Projektkürzel
Projekttitel (en) Negotiations of Gendered Boundaries in Science. The Example of the Interuniversity Cooperation of Science in Graz
Link zur Projektwebsite http://centrum-sozialforschung.uni-graz.at/de/forschen/abgeschlossene-projekte/geschlechtergrenzen-in-den-naturwissenschaften/
PDF Projektbeschreibung
Inhalt Aktuelle Erkenntnisse der wissenschaftssoziologischen Geschlechterforschung deuten darauf hin, dass es nicht die vermeintliche 'Härte' der Naturwissenschaften ist, die Frauen häufig Barrieren in den Weg legt, und auch nicht unbedingt wissenschaftsexterne Faktoren, wie beispielsweise die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Es zeigt sich vielmehr, dass erfolgreiche Forschung von Frauen in den Naturwissenschaften hochgradig an ihre soziale Integration in das Fach gebunden ist. Anknüpfend daran ging das Projekt der Frage nach, wie sich die soziale Integration von Frauen in naturwissenschaftlichen Gebieten darstellt. Dies erfolgte zum einen auf der strukturellen Ebene der Verteilung von Frauen und Männern innerhalb der Naturwissenschaften und auf der "Karriereleiter" wissenschaftlicher Werdegänge, zum anderen auf der symbolischen Ebene der Vergeschlechtlichung der Fachgebiete als "Männerfach" oder "Frauenfach"

Die empirische Untersuchung fand am Fallbeispiel "NAWI Graz" - die gegenwärtige Kooperation im Bereich der Naturwissenschaften der beiden großen Grazer Universitäten, der Karl-Franzens Universität und der Technischen Universität - statt.

Forschungsfragen:

  • Wie charakterisieren NaturwissenschaftlerInnen ihr eigenes Forschungsgebiet im Unterschied zu anderen und wie werden mit epistemischen und strukturellen Grenzziehungen auch soziale Gruppen differenziert und auf diese Weise auch soziale Grenzen gezogen?
  • Welche verschiedenen Bilder und Vorstellungen von wissenschaftlicher Arbeit und welche unterschiedlichen Anforderungen an WissenschaftlerInnen spielen hier eine Rolle? Welche Formen der Selbstpräsentation und der wissenschaftlichen Arbeitspraxis haben in welchen Feldern Legitimität?
  • Inwiefern sind die verschiedenen, fachspezifisch bevorzugten, Bilder von WissenschaftlerInnen geschlechtlich eingefärbt?

Empirische Umsetzung: Forschungsstil: Grounded Theory; methodenpluraler Zugang; 3 Forschungsstränge:

Quantitative Untersuchung geschlechtsspezifischer Segregation in NAWI Graz (Strukturdatenanalyse) Qualitative Untersuchung naturwissenschaftlicher Selbstpräsentationen im Internet (Homepages NAWI Graz und Google Bilder) Qualitative Querschnittuntersuchung naturwissenschaftlicher Fachdiskurse im Rahmen von Interviews mit ausgewählten FachvertreterInnen (Sampling über 4 NAWI Graz Bereiche: Mathematik, Chemie, Biowissenschaften, Erd-, Space and Environmental Sciences sowie unterschiedlicher Arten epistemischer Arbeitspraxis: Feld-, Laborforschung, Modellierung und Simulation, mathematisch logische Beweisführung)

Zentrale Ergebnisse:

  • Strukturelle "Disunity" der Naturwissenschaften: Auf struktureller Ebene zeigen sich unterschiedliche Muster der Geschlechtersegregation, d.h. der Frauenanteil divergiert hier eklatant auf horizontaler und vertikaler Ebene. Diese Unterschiede stehen u.a. in Zusammenhang mit der epistemischen Ebene von Wissenschaft: je mehr die Forschungsarbeit auf das Labor konzentriert ist, desto höher ist der Anteil des weiblichen wissenschaftlichen Personals und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen in Leitungspositionen tätig sind. Insgesamt lässt sich weiter feststellen, dass Frauen überdurchschnittlich häufig drittmittelfinanzierte Stellen besetzen.
  • Selbstdarstellung der Fächer: Männerdomänen (Gebiete mit einem sehr niedrigen Frauenanteil) neigen dazu, sich symbolisch sowohl über Sprache (Verwendung des generischen Maskulinums) als auch Bilder (geringe visuelle Sichtbarkeit von Frauen) zu homogenisieren. Auch hier konnten fachliche Differenzierungen belegt werden, denn wenn Frauen sichtbar werden, dann vor allem als im Labor arbeitend, während "Feldarbeit" auf visueller Ebene männlich vergeschlechtlicht zu sein scheint; zudem werden Frauen, wo sie sichtbar werden, oftmals als "Ausnahmefrau" dargestellt.
  • Fachliche Orientierungen& unterschiedliche Spielarten naturwissenschaftlicher "Männlichkeit": Es gibt nicht die eine Vorstellung des Naturwissenschaftlers, sondern trotz gemeinsamer naturwissenschaftlicher Grundorientierung unterschiedliche fachliche und berufliche Bilder. Insgesamt konnten im Sample fünf unterschiedliche fachliche und berufliche Konzeptionen rekonstruiert werden: naturwissenschaftlicher Grundlagenforscher und angewandter Naturwissenschaftler, Laborforscher, Feldforscher und reiner Mathematiker. Diese Fach- und Berufskonzeptionen verteilen sich nicht beliebig auf die untersuchten Fächer, sondern korrelieren mit den epistemischen Merkmalen der jeweiligen Fachgebiete und erweisen sich als latent vergeschlechtlicht.
Abstract (en) Actual expertise of Gender Studies in the field of Sociology of Science indicates that the barrier for women is not the assumed "hardships" of the natural sciences and also not necessarily external scientific factors like the question of the compatibility of family and work. It shows rather that successful research by women in (natural) science is bound profoundly to their social integration into the field.

The question of how "successful" integration into a scientific discipline works is hence vitally important for studying gender relations in science. Furthermore, scientific disciplines and sub-disciplines vary widely in regard to their disciplinary culture and mechanisms of inclusion, therefore, more detailed information on how the horizontal segregation of young scientists in different specialties of disciplines takes place is important.

How do these processes take place in which the result is that some young scientists start to work in central innovative fields and others in less noted, border areas? Which different images and ideas of scientific work and which different requirements are relevant here? How do scientists characterize their own field of research in relation to others?

The hypothesis that 'boundary work' inside of disciplines and between different disciplines and sub-disciplines constitutes gender boundaries too is the major focus in this project. This focus is especially directed towards the natural sciences, namely, on the one hand, as it is considered a heterogeneous field of research and, on the other hand, as its research practices are increasingly characterized by technologies (keyword: technoscience). Gender relations in science can thus most concentratedly be investigated using the example of current clusters and cooperations at the interface between science and technology. The current cooperation in innovative research areas of science by the two large universities in Graz, the University of Graz and the Graz University of Technology, under the name "NAWI Graz", provides an adequate case of study. In this project, the disciplinary cultures of NAWI Graz and the specific characteristics of the professional profile of disciplines and sub-disciplines will be analyzed qualitatively. In this manner and in the context of this research, the connection between professional boundary work and social (gender-)differentiation will be explored more precisely.

Schlagwörter Geschlecht; Geschlechtsspezifische Faktoren; Soziale Integration; WissenschaftlerIn; Geschlechterverhältnis
Land Österreich
Bundesland

Themen

Lebenssituation
Qualifizierung Studium
Karriere Karriereverlauf
Wiss. Einrichtungen Genderaspekte in Forschung und Lehre
Wissenschaftssystem Wissenschaftskultur
Doing Gender Geschlechterstereotype; Männlichkeit

Forschungsgegenstand

Sektoren Hochschule
Fächergruppen MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik)

Beteiligte Institutionen

Zentrale Institution Karl-Franzens-Universität Graz (Graz)
Institutionstyp Universität
Institut Centrum für Sozialforschung
Institutswebsite https://centrum-sozialforschung.uni-graz.at/
Zentrale Institution Technische Hochschule Aachen (RWTH Aachen) (Aachen)
Institutionstyp Universität
Institut Institut für Soziologie
Institutswebsite http://www.gesellschaftswissenschaften.rwth-aachen.de/cms/Gesellschaftswissenschaft/Wirtschaft/Institut-fuer-Soziologie/~htmf/Forschungsprojekte-des-Instituts-uer-Soz/

Beteiligte Personen

Projektleitung Prof. Dr. Tanja Paulitz
Projektbearbeitung Susanne Kink; Sarah Zapusek

Methoden & Stichprobe

quantitative Methoden
qualitative Methoden Qualitatives Interview
weitere Methoden Sekundäranalyse
Stichprobe ExpertInnen

Methodischer Ansatz: Genealogische Wissenssoziologi Fallstudie, empirisch-quantitativ, empirisch-qualitativ, Querschnitt, Befragung, Theorieanwendung, Sekundäranalyse Längsschnittstudie: F

Stichprobenumfang: 40 Stichprobe, sonstiges:

Ergebnisse / Output

Veröffentlichungen
Berichte, Manuskripte, Arbeitspapiere Paulitz, Tanja; Kink, Susanne (2013): Verhandlungen von Geschlechtergrenzen in den Naturwissenschaften am Beispiel von NAWI Graz. Kurzbericht zum Forschungsprojekt. Institut für Soziologie / Centrum für Sozialforschung Forschung Forschungsschwerpunkt "Geschlechtersoziologie" Karl-Franzens Universität Graz. Graz.
Konferenzen

Weitere Projektdarstellungen

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279, SOFISwiki: GESIS, Forschungserhebung 2013